| IM HEIMATMUSEUM DER STADT ROVINJ HAT DAS FESTIVAL DER ALTEN MUSIK „AUF DEN SPUREN VENEDIGS“ BEGONNEN Altes klang wie Neues
Die Sängerin sensibel auf der authentischen mittelalterlichen Laute begleitend, von der kleinsten achtsaitigen, bis zur Erzlaute und der größten Theorbe (auch Chitarrone genannt), zeigte sich Ferraris, der sein Diplom in klassischer Gitarre auf dem Mailänder Konservatorium „Giuseppe Verdi“ erlangte, und die Laute auf dem Konservatorium in Verona erlernte, mit unglaublicher Leichtigkeit als ein erstklassiger Meister auf diesem ungewöhnlichen Instrument. Aber, ungeachtet aller Aufmerksamkeit und Bewunderung, die Ferraris und seine phantastische mittelalterliche „instrumentale Artillerie“ völlig gerechtfertigt von den mehr als Hundert begeisterten Besuchern verdiente, war die absolute Attraktion des ersten Abends des Festivals der alten Musik jedoch nach gutem alten Brauch, die schöne, witzige und am Samstag äußerst charismatische – Frau, die Sopranistin Silvia Piccollo. Außer der Tatsache, dass sie mehr als zehn Jahre Erfahrung im Operngesang (Hochzeit des Figaro, Cosi' fan tutte), ein Violinediplom vom Konservatorium in Alexandria, ein Gesangsdiplom vom Konservatorium „Nicolo Paganini“ aus Genua, sich außerdem auch in barocker vokaler Ausführung am Institut für alte Musik in der italienischen Stadt Pomparatu spezialisiert hat, so brillierte sie völlig mit der Inspiriertheit ihres direkten und gleichzeitig hochprofessionellen szenischen Auftritts. Das Duo führt istrische Komponisten auf: von Tromboncin, Bossinensis, Da Laurana, Andrea Da Montone, Borrone, Car, Kapsberger und Falconieri bis zu Sances, Monteverdi, Merula und Cesti. Obwohl die mittelalterliche musikalische Tradition gerade dafür charakteristisch ist, dass die Lyrik den ersten Platz einnimmt, und man konstatieren kann, dass die Rolle der Musik es lediglich ist, dem Wort zu dienen, und nicht umgekehrt, die Reise durch die geheimnisvollen Klänge der weiten musikalischen Vergangenheit – es wurde Minute um Minute klarer – ist eine Reise in die Gegenwart. Denn, auch wenn sich die Kunst seit Menschen Gedenken mit der Thematik der verlorenen Liebe befasst, oder sich über sie lustig macht – wie im „Aspetate! Adesso canto”, dem letzten Stück im offiziellen Teil des Programms, so penetriert diese Thematik in der eingebildeten Selbstgefälligkeit des alltäglichen Lebens des modernen Menschen des 21. Jahrhunderts eine noch größere Masse von Menschen, und dies mit einer nicht geringen Menge reiner Ironie (schalte das Radio ein, gehe aus dem Internet).
Das Angrenzen an die Kontroversen der Künstler (ansonsten ein Charakterzug des „Neuen“), wenn Piccollo durch das Publikum gehend singt, es am Ende des Stücks sogar anbrüllt (Andate via!); das Stück Antonio Cestis, das obwohl „alt“, dem Stil zu Folge fast ein Kabarett ist (!); und sogar die neuesten Bilder aus dem Jahr 2005 von Quintin Bassani, oder Fulvio Jurièiæ und Ðuro Sedar, die den Hintergrund der Szene schmückten und ein Teil der Museumsausstellung sind, haben die Zuhörer in ihrer Begeisterung fast überzeugt, dass es sich nicht um Alte Musik handelt – sondern um Neue!
Und wie „Neue Musik“ kling, wenn man sie in ein Museum steckt, können sie heute Abend um 20 Uhr überprüfen, wenn das Zweite thematische Konzert des Festivals der alten Musik „Auf den Spuren Venedigs“ mit einem Auftritt der Solisten des Kroatischen Barockensembles aus Zagreb auf dem Programm steht. Petar ÆURIÆ |